Review of Till Kinzel’s book on Oakeshott (both book and review in German)

JUNGE FREIHEIT, Nr. 06/08, 1. Februar 2008 S. 15 LITERATUR

Skeptiker aller Verheißungen Till Kinzel erschließt Leben und Werk des konservativen britischen
Philosophen Michael Oakeshott Klaus Hornung

In Großbritannien und in den Vereinigten Staaten ist derzeit eine breite Rezeptionsbewegung des Geschichts- und Politikphilosophen Michael Oakeshott im Gange. Oakeshott (1901–1990) war zwischen 1925 und 1949 als akademischer Lehrer (Fellow) mit Unterbrechung im Krieg am Gonville and Caius College in Cambridge tätig, dann kurze Zeit in Oxford (Nuffield College) und wurde 1948 an die
London School of Economics als Nachfolger Harold Laskis berufen, wo er 1969 emeritiert wurde.

Nun hat Till Kinzel, Privatdozent für englische und amerikanische Literatur an der Technischen Universität Berlin, eine erste, konzise und elegant geschriebene Einführung in Oakeshotts Lebenswerk vorgelegt, um ihm auch im deutschen Sprachraum eine Rezeption zu öffnen. Das ist um so
berechtigter, als dieser nicht unwesentlich von deutscher philosophischer und literarischer Tradition
beeinflußt wurde. In Marburg und Tübingen las er 1923 und 1925 Hegels “Phänomenologie des Geistes”, Hölderlin, Nietzsche, Jacob Burckhardt, ja selbst Jean Paul. Der Vater war Reformsozialist in der Fabian Society gewesen, der Sohn entschied sich jedoch für die Absage an den liberalen Rationalismus, an Utilitarismus und sozialistischen Staats­interventionismus und orientierte
sich am idealistischen Zweig der englischen Geistesgeschichte, an der Romantik Wordsworths und Shelleys, an der Literatur Thomes Hardys und Robert Louis Stevensons, aber auch an Bergson, Pascal, Thomas Mann und nicht zuletzt Platon.

Kinzels kompetente und einfühlsame Studie hebt Oakeshotts Ablehnung der “Whig interpretation of History” (Herbert Butterfield) hervor. Auch für Oakeshott erfährt der Mensch seine Natur und seine Lage “nur aus der Geschichte” (Wilhelm Dilthey), doch will er die wissenschaftliche Befassung mit
der Geschichte strikt getrennt sehen von den praktischen und politischen Interessen der jeweiligen Gegenwart. Überhaupt stellt er die schöpferische Macht der Dichtung und der Kunst weit über die analytischen Methoden der Wissenschaft. Vor allem der Philosoph soll nicht umfassende Ideensysteme entwerfen und sie als “Prediger”” vertreten, seine Aufgabe ist vielmehr die Vermittlung von Klarheit über die Dinge und individueller Selbsterkenntnis. Mit Platon geht es auch Oakeshott um die Kritik der modernen Sophisten, der Intellektuellen und ihrer “Abstraktionen”.

Dieser wohl typisch “britische” Konservatismus mit seiner pragmatischen Beimischung schlägt dann vor allem auf Oakeshotts politische Philosophie durch. Kinzel konnte auf neueste Publikationen aus dem Nachlaß zurückgreifen, in denen Oakeshott die moderne Politik zwischen die beiden Pole Glaube und Skepsis eingespannt sieht und als entschiedener Kritiker der Aufklärung und der Französischen Revolution hervortritt: ihres Glaubens an die Vervollkommnungsfähigkeit des Menschen und die Machbarkeit des irdischen Glücks, eines “politischen Pelagianismus”, der die Erbsünde leugnet und nicht zuletzt die Aufgabe der “göttergleichen” Regierung in der Verbesserung der menschlichen Zustände sieht, einer “ideologischen”, “teleokratischen” Politik, für die Kritik und schon mangelnder Enthusiasmus zum Verrat wird.

Demgegenüber setzt Oakeshott, durchaus in der britischen Tradition, auf eine Politik der Skepsis und des Maßes und vergleicht sie mit dem Segeln auf einem weiten und grundlosen Meer. Zumindest empfiehlt der englische Philosoph eine wechselseitige Korrektur der beiden Politikstile: Eine Politik im Zeichen des Fortschritts-)Glaubens führt allzu leicht zu jenen Exzessen, die wir im totalitären Zeitalter erfahren haben, eine Politik der Skepsis kann aber auch zu Quietismus und einem Konservativismus der Trägheit beitragen, wenn nicht zu einem Verständnis von Politik als bloßem Spiel im Zeichen des “Endes der Geschichte” im postmodernen Liberalismus.

Oakeshott galt schon immer als entschiedener Kritiker eines politischen Rationalismus und seines “ideologischen” Stils, der Vernunft gegen Gewohnheiten und Vorurteile (“prejudices”), einen Satz von Prinzipien gegen Erfahrung in Stellung bringt, Politik als die Anwendung einer Art von Ingenieurtechnik auf die Gesellschaft mißversteht und den modernen Rationalismus gegen Überlieferungen und Gewohnheiten aufruft. Man konnte Oakeshott daher als Anwalt des Konservatismus der Burke-Schule verstehen. Doch war er sicherlich kein “intransigenter Rechter”, versteht er den Staat doch als “civil association” und “Herrschaft des Rechts” und nicht als “enterprise association”, als Zweckverband, der eine offizielle Wahrheit zu verkünden hat oder sich gar um die Seelen sorgt. Dieses “republikanische” Politikverständnis, so Kinzel, weist Oakeshott als Gegner des philosophischen und politischen Konstruktivismus aus, rationalistischer Projekte und der Gleichmacherei.

Oakeshott nimmt in seinen Überlegungen zu den Fragen der “Bildung und des Menschseins im Zeitalter ihrer praktischen Verwertbarkeit” (The Voice of Liberal Leaming, 1989) eindrucksvoll Stellung gegen die breitgefächerte und als letzter Schrei auftretende Theorie und Praxis der sogenannten Sozialisation. Diese Lehren, die sich unter dem Einfluß der Social Sciences seit den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten und von da in der Welt ausbreiteten, sind für ihn nichts anderes als ein Generalangriff auf das Grundverständnis von Bildung und Erziehung, eine “Offensive zur Abschaffung des Menschen” (C.S. Lewis, Friedrich H.Tenbruck), die Bildung nicht mehr als Einführung des Menschen in die geistige Welt (Dilthey) versteht und zum Verderb der Sprache und Literatur und ihrer zentralen Bedeutung als Wurzel aller Kultur, zur Instrumentalisierung der Sprache als bloßes “Kommunikationsmittel” geführt hat. An die Stelle des Lehrers, in dem die Überlieferung lebendig ist, die er weitergibt, weil sie ihm selbst wertvoll ist, sind die Schrumpfgestalt des “Lernhelfers” des autonomen Heranwachsenden getreten oder vollends technisch-mediale Lernapparate. Wenn Schule und liberal education wieder Gewicht und Geltung erlangen sollen, haben sie sich von der Herrschaft des Nur-Aktuellen zu emanzipieren und deutlich zu machen, daß Bildung und Lernen nicht Spiel sind, sondern an das ureigene Bedürfnis jedes jungen Menschen nach Wissen und Leistung anknüpfen, freilich auch Anstrengung und Durchhaltevermögen erfordern.

Kinzels wertvolle Studie sollte und kann zum Anstoß einer vertieften Befassung mit Michael Oakeshott auch in Deutschland und Europa führen.

Till Kinzel: Michael Oakeshott. Philosoph der Politik. Band 9 der Reihe , Perspektiven”. Edition Antaios, Schnellroda 2007, broschiert, 112 Seiten, 12 Euro